Herbstvergnügen auf dem Lande

Wie Halloween alte Bräuche verdirbt

Längst schon ist die Zeit vorbei, als wir Kinder auf dem Acker noch die schrecklich heißen, halb verkohlten Kartoffeln aus dem Kartoffelkrautfeuer holten, sie mit klammen Fingern die schwarze Kruste aufbrechend vorsichtig verschlangen, ohne uns den Mund zu verbrennen, ohne Salz oder Butter und ohne Messer oder Gabel, aber mit Händen, die denen der Schornsteinfeger in der Farbgebung sehr ähnelten. – Dieses war jedes Jahr unser erstes Herbstvergnügen.

Danach begann die Runkelrübenernte, die nur bedingt spaßig für uns war, denn das Hochwerfen auf den weiterfahrenden Erntewagen ließ wirklich keine Freude aufkommen. Belohnt wurde diese Hilfe auch nicht. Heute wäre das eine verbotene Kinderarbeit. – Also kein Herbstvergnügen, aber:

Weil es zu dieser Jahreszeit nun – ohne Sommerzeit – immer schneller dunkel wurde, und es auch noch keine Straßenbeleuchtung gab, war das der Anlass, sich für eine selbstgebastelte Leuchte Stearinkerzen zu besorgen. Lampions wären als Lichtspender gut geeignet gewesen, kosteten aber Geld. Eine Taschenlampe? Undenkbar, sprengte nur das winzige Taschengeldbudget!
Man suchte sich deshalb auf den Rübenäckern die größte Runkel, höhlte sie mit einem Küchenmesser von oben her aus, schnitzte Augen, Nase und Mund hinein und – bestückt mit dem Stummel einer Kerze – war die Lampe fertig. Und wir hatten unseren herbstlichen Bastelspaß!.

Die Experten unter den Schnitzern wussten selbstverständlich, dass als Werkstoff zur Lampenherstellung sich niemals die spitze Zuckerrübe eignet, sondern immer nur eine ovale (Gemeine) Runkelrübe. Diese wurde normalerweise zusammen mit feingehäckseltem Stroh einzig an das Vieh und die Schweine verfüttert!
Man trug die Funzel auf Händen vor sich her, aber ein Licht, das den Weg gut beleuchtet hätte, gaben sie nicht ab. Aus den größeren Kürbissen aus dem Garten wären mit drei Kerzen wohl bessere Lampen geworden, sie standen aber unter der Obhut der Mütter und waren deshalb tabu.
Heute wird das Vieh mit importiertem Sojaschrot gefüttert und das Rübenlampenschnitzen kam aus der Mode; und dieses Herbstvergnügen ebenfalls.

In die lichtarme Zeit fällt auch der Brauch des Martinsabend-Singens im Dorf: Wir Kinder zogen von Haus zu Haus, stellten uns vor dem Hausflur auf und sangen das Lied

Martinsabend ist heut‘ Abend 

Martinsabend ist heut‘ Abend,
klingelt auf der Büchse.
Liebe Frau, gib uns was,
lass uns nicht so lange steh‘n,
wir müssen noch nach Kölle geh‘n.
Köln ist eine große Stadt,
da kriegen alle Kinder was.

Ich hör‘ den Schlüssel klimpern,
ich hör‘ den Schlüssel klappern.
Ich glaub‘, ich kriege ‘n Apfel.

Und wenn die Frau nichts in den Leinensack tat:

Weißer Zwirn, schwarzer Zwirn
alte Hexe gibt nicht gern!

Die Hausfrauen kamen dann mit einem Korb auf die Diele und füllten Äpfel und Nüsse in unsere Leinenbeutel; manche sogar ein oder zwei Sahnebonbons, oder ein Nappo. Sie waren schon in Papier eingewickelt – und wegen der praktischen Transportverpackung natürlich sehr begehrt!
Straßenlaternen erhellten bald den Martinsabendweg und die Menge der geschenkten Sahnebonbons vergrößerte sich. Eine Vielfalt an Süßigkeiten verdrängte Äpfel und Nüsse, das spätherbstliche Vergnügen erhielt eine neue Qualität

Den irischen Brauch des Halloween im November zu Allerheiligen, ähnlich der Walpurgisnacht zum 1. Mai, kannte man noch nicht. Er wurde im 19. Jahrhundert von irischen Auswanderern nach Nordamerika mitgenommen, später marktgerecht umgestaltet und schwappte als Folge des Zweiten Golfkriegs plötzlich auf unser Land über.  Die Karnevalssaison 1991 fiel aus – als Solidaritätsbeitrag wegen der  verweigerten  deutschen Kriegsunterstützung.  Seit 1. November 1991 zelebriert man in Deutschland deshalb  Halloween .

Welche Folgen die Halloweenwelle hatte, kann heute noch bei den Discountern gut beobachtet werden: Der Verkauf von sonderbaren Dracula-Utensilien wie Hexenkostüme, Skelette oder Gummibären in Fledermausform hat einen neuen, profitablen Wirtschaftszweig entstehen lassen. Auch die Kürbisse aus Mutters Garten werden nun gewerblich in großer Menge angebaut und liegen vorgefertigt als Beleuchtungskörper der besonderen Art auf den Verkaufstischen.
Die Tradition aus den Notzeiten des Heiligen St. Martin aber ist nahezu ausgestorben

Bei uns im Dorfe jedoch, gehen die Kinder noch jedes Jahr am Martinsabend auf gut beleuchteten Straßen umher und singen vor den Haustüren dasselbe Lied wie wir vor über 60 Jahren.  Zum Einsammeln der vielen süßen Sachen aber verwenden sie nun meist bunte Plastiktüten.

Und hin und wieder bekommen sie von einem kauzigen Spender stattdessen wieder Walnüsse und einen nicht marktfähigen Apfel aus eigener Ernte, von einem alten Hochstamm, der einen seltsamen, alten Namen hat: „Kaiser Wilhelm“. Bei der Gelegenheit erzählt er ihnen davon, wie es früher einmal war, das letzte herbstliche Vergnügen vor der Advents- und Weihnachtszeit.
Inzwischen singen die Kinder in dem Lied „Liebe Frau, gib uns was, …“ angepasst, wenn nötig, „Lieber Mann, …“

© Ferdinand Alms

Nachtrag:
In diesem Herbst gab es keine aromatischen Kaiser-Wilhelm-Äpfel sondern stattdessen den  lediglich süßen „Elstar", denn zur Apfelblüte im  April hatten zwei Nachtfröste fast alle Blüten vernichtet.

Vom Singen der Drähte

Die Saiten einerSitar
Die Sitar hat bis zu 20 Saiten


I
nder haben ein wunderbares Saiteninstrument, die Sitar: Wer jemals in einem Konzert Indische Musik erleben durfte, um wieviel nuancenreicher als eine Gitarre dieses Instrument klingt, der wünschte sich, diese sirrenden Klänge mögen gar nicht mehr aufhören. Glücklicherweise dauert ein Raga meist eine halbe Stunde und vermag damit den Zuhörer in den entspannenden Zustand der Meditation zu versetzen.

Mein Elternhaus steht seit 1608 in einem Dorf unweit von Oldendorf – so nennen wir die Kleinstadt wie damals vor dem Jahr 1905 der Einfachheit halber heute noch. Dies sei nur vorausgeschickt, um eine Erscheinung zu verstehen, die man im letzten Jahrhundert bis in die sechziger Jahre gelegentlich auch in unserem Wesertal beobachten konnte.

An manch kalten Wintertagen dieser Zeit, mit viel Schnee und nicht geräumten Straßen, blieb es uns Schülern nicht erspart, anstatt wie üblich mit dem Fahrrad, zur weiterführende Schule nach Oldendorf zu Fuß zu gehen. Oder zum Bahnhof, wenn man zur Oberschule in die benachbarte Kreisstadt musste; in der Frühe, kurz nach sechs oder sieben, je nachdem, wie weit der Schulweg war. Telegrafenmasten säumten den Weg und markierten ihn im Dunkeln, wo Schneeverwehungen seine Spur gelöscht hatten.

Wenn dann um diese Tageszeit der Wind allmählich erwachte, konnte man ein mehrstimmiges Singen vernehmen. Es kam von den Drähten der Telefonleitungen her und wir Schüler spekulierten, das käme davon, dass jemand gerade auf den Leitungen telefoniere. Die Wartenden am Bahnsteig mutmaßten, der Zug sei sicherlich schon kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof. Warum auch immer, das Singen begann oft leise, schwoll an und ebbte dann wieder ab, es klang hoch und tief, harmonisch und auch dissonant, keiner Partitur folgend.

Eine plausible Erklärung für diesen seltsamen und eigenartig schönen Klang fand sich aber nicht.

Heute, wenn ich wieder daran denke oder wenn ich gelegentlich Sitarmusik höre, erinnere ich mich an dieses Naturschauspiel. Das der technische Fortschritt erst möglich machte: zwischen Holzmasten an Isolatoren aus Porzellan montierte Leitungen aus Bronze- oder Stahldrähten unterschiedlicher Länge. Sie waren niemals gleich stark gespannt und wurden vom leichten Windhauch in Schwingungen gebracht. Sie zitterten, wie wir, als wenn wir durchgefroren wären.

Die meiste Zeit übers Jahr schwiegen die Drähte aber und boten den Vögeln wohlfeilen Platz, sich darauf aus zu ruhn und Ausschau zu halten. Heute liegen fast alle Drähte in Kabeln isoliert und verseilt unter der Erde und geben keinen Ton mehr von sich, heute enthalten die Kabel Drähte aus Kupfer oder Glasfasern. Da klingt nichts, da blinkt nur was, und das sieht man nicht.

Im Winter fährt regelmäßig der Schneeräumdienst, selten geht jemand zu Fuß, und am Bahnhof zeigt kaum noch etwas das Kommen eines Zuges an. Man hört stattdessen aus Lautsprechern manchmal eintönige Wortbausteine, die Störungen, Verspätungen oder den Ausfall verkünden und niemanden damit glücklich machen.

Jetzt ist es sehr still und ich erinnere mich daran. Und schon höre ich es wieder, das Singen der Drähte. Nur singt jetzt ein kleiner Mann in meinem Ohr, der auf den Namen Tinnitus hört.

Pamphlet zur Schillathöhleneröffnung 2004

Eintrag ins Gästebuch  der Webseite der Stadt Hessisch Oldendorf im August 2004:

» Da entdeckt aus der Ferne ein heimatliebender, gelegentlicher Internetsurfer die magere Information, daß am 21. August 2004 die Eröffnung der Schillathöhle stattfinden soll. Obwohl Höhlenbesichtigungen für die Öffentlichkeit schon seit einem Jahr möglich sind, findet dieser späte Termin Verständnis. Manche Einrichtungen konnten wegen der oft üblichen rechtlichen, kommerziellen oder politischen Querelen wohl nicht früher fertig werden.

Nun ist eine Tropfsteinhöhleneröffnung weniger ein alltägliches als eher ein Jahrhundertereignis, das von allen Bewohnern der Umgebung gebührend gefeiert werden sollte. Weil man erstens Feste feiert, wie sie fallen, zweitens damit die Bindung an dieses neue Stückchen Heimat allgemein gefördert würde, und drittens alle Höhlen nicht Hoheitsgebiet des Grundeigentümers, der Politiker oder sonstiger Interessenverbände sind, sondern weil sie – wie alle Bodenschätze – dem Staat gehören und damit uns allen.

Und Schatzfunde wie die Schillathöhle müssen gefeiert werden; mit allen, die das Süntelgebiet als ihre Heimat kennen, aber auch mit denen, die das einzige Waldstück dieser Erde, in dem sich die Süntelbuchen seit der letzten Eiszeit durch Mutation entwickelt haben, bisher nur vom Autositz aus gesehen haben.

Was nun zu bemängeln ist: wie konnten Verantwortliche eine Eröffnungsfeier planen mit nahezu intimen Teilnehmerkreis, ohne alle betroffenen Höhlennachbarn einzuladen? Ohne ein Volksfest mit Blasmusik!

Eine wirkungsvollere Gelegenheit, Naturschutzbünde, Heimat, – Gesangs- oder andere musische Vereine mit Höhlenanwohnern zusammen zu bringen und zu feiern, kommt sobald nicht wieder!
An eine Tropfsteinhöhleneröffnung könnten sich die Kinder von Heute – und besonders zu erwähnen – auch die Neubürger und Zugezogenen nach vielen Jahren noch gerne erinnern.
Man kann nur das schätzen und lieben, was man kennt.
Schade. «

Der Verfasser hat aber mit einer gewissen Dickfelligkeit trotzdem am Festakt teilgenommen
 Der Eintrag wurde irgendwann in 2006 wieder entfernt.

 

Ehlen Landwirtschaftsminister

Ehlen, Landwirtschaftsminister Niedersachsen, anlässlich der Eröffnungsfeier